Mädchenarbeit im Gendermainstream Ein Beitrag zu aktuellen Diskussionen
Inhalt
Zur Einschätzung der gesellschaftlichen Situation von Mädchen und Frauen heute
Alles paletti für Mädchen und Frauen?
Die „ungleiche Gleichheit“
Das Instrument des Gendermainstreaming als politische Strategie zur Erreichung der Gleichstellung:
Chancen und Gefahren
Große Hoffnungen
Gefahr 1: Aushebelung von Frauenförderung?
Gefahr 2: Beendigung von Mädchenförderung?
Handlungsbedarf für Mädchenarbeit im Rahmen des Gendermainstreaming
Moderne Mädchenbilder und ihre Folgen
Anhaltende Erfahrungen von Mädchen und jungen Frauen mit Gewalt und Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechtes.
Mädchenspezifische Angebote als Reaktion auf Gewalt und Diskriminierung
Normierte und widersprüchliche Erwartungen und Normen machen Mädchen krank
Gewalterfahrungen in Familie und sozialem Nahraum
Gewalt und Diskriminierung in Jugendarbeit und Schule
Zur Bedeutung mädchenspezifischer Ansätze in der Jugendhilfe
Zur Verbreitung mädchenspezifischer Ansätze
Berücksichtigung von Mädcheninteressen in ausgewählten Feldern
- in der Eziehungshilfe
- in der Jugendberufshilfe
- in Ostdeutschland
Barrieren für eine Inanspruchnahme mädchenspezifischer Angebote
Abwertung von Mädchenräumen und Mädchenzusammenhängen
Übergehen von Mädchengruppen als selbstgewähltem Handlungsraum
Zur Bedeutung mädchenspezifischer Angebote für die Mädchen
Zur Nutzung von Mädchenräumen
Zur Nutzung von Mädchenangeboten durch ausgewählte Zielgruppen
- Junge Migrantinnen: Zwischen Emanzipation und Tradition
- Lesbische Mädchen und junge Frauen
- Mädchen und junge Frauen mit verschiedenen Behinderungen
Aussagen über Wirkungen mädchenspezifischer Ansätze
Wirkungen von Mädchenarbeit in ausgewählten Angeboten
Exkurs 1: Zur strukturellen Verankerung der Berücksichtigung von Mädcheninteressen in der Jugendhilfe
Die Handlungsmöglichkeiten des KJHG
Das Instrument der Leitlinien zur Förderung der Mädchenarbeit
Ein kritischer Blick auf Aussagen des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Frankfurt
Exkurs 2: Gewaltbereitschaft bei Mädchen – ein neues gesellschaftliches Problem?
Zunehmende Aufmerksamkeit auf Rechtsextremismus und Gewalt bei Mädchen
Gewaltbereitschaft bei Mädchen als bekanntes Phänomen und die anhaltende Wirkung weiblicher Sozialisation
Gewalthandeln als Ausdruck weiblicher Emanzipation?
Exkurs 3: Antisexistische Jungenarbeit als Bestandteil mädchengerechter Arbeit
Forderungen der feministischen Pädagogik
Jungenarbeit: Zustimmung und Distanz zum antisexistischen Diskurs
Jungenarbeit als Gewaltprävention
Mädchenarbeit in Zeiten des Gendermainstreaming: Zusammenfassung und Reflexion
Der Widerspruch zwischen Bildern und Realität
Qualitative Entwicklungen und Erfolge in der Mädchenarbeit
Mädchenarbeit ist nicht flächendeckend durchgesetzt
Perspektiven für die Mädchenarbeit im Gendermainstream
Neue Begründungen für Mädchenarbeit durch Gendermainstreaming und gesellschaftliche Veränderungen
Leseprobe:
Alles paletti für Mädchen und Frauen?
In den Medien wurde in den vergangenen Jahren verstärkt die Auffassung transportiert, die neue Frauengeneration sei so selbstbewußt wie nie zuvor, zielstrebig, durchsetzungsfähig und leistungsbewußt: „In Deutschland wächst eine Generation junger Frauen heran, die ganz andere Träume, Ziele und Werte hat als alle Generationen vor ihr. Fast unbemerkt hat sich eine Revolution in den Mädchenzimmern vollzogen: Motiviert, selbstbewußt, pragmatisch und mit großer Klappe stellen sich die 15- bis 25-jährigen der Zukunft“ (Spiegel 25/99). Kurz darauf setzte der Spiegel mit einer Titelgeschichte, „Mit den Waffen einer Frau“, noch eins drauf und sieht junge Frauen geradewegs auf dem Weg zur Macht: „Eine neue Frauengeneration ist im Anmarsch. Ehrgeizig sind die Damen, pragmatisch, streßerprobt, meist hoch qualifiziert und selbstbewußt. Ihr Schicksal nehmen sie selbst in die Hand. Sie wollen Selbstverwirklichung, sie wollen Erfolg, sie wollen Einfluß und sie wollen das alles zu ihren Bedingungen. Nahm sich die Frauenbewegung von 30 Jahren vor, das Patriarchat abzuschaffen, so ziehen die Frauen von heute die Unterwanderung des Systems vor: Still und zäh infiltrieren sie die Schaltstellen der Macht in Wirtschaft und Politik“ (Spiegel 47/99).
Auf dem Weg zur Gleichberechtigung scheint die Gesellschaft ein deutliches Stück vorangekommen zu sein, wie in politischen und auch in wissenschaftlichen Verlautbarungen versichert wird. In Umfragen zu Einstellungen und Meinungen läßt sich eine fortschreitende Tendenz zur Annäherung der Geschlechterrollen und zum allmählichen Abbau traditioneller Vorstellungen ablesen (vgl. Gille 2000, „Jugend 2000“). Allerdings kommen die fortschrittlicheren Einstellungen immer noch in wesentlich höherem Maß von Frauen, die Veränderungen fordern, während „die Männer ihre Pfründe nicht aufgeben“ wollen (Gille 2000, S. 191).
Als markantestes Zeichen für den Fortschritt in der Chancengleichheit gilt das Tempo, das Mädchen insgesamt vorgelegt haben, um Jungen in ihren Schulleistungen nicht nur einzuholen, sondern teilweise zu überholen: „Bei den höheren Bildungsabschlüssen haben Mädchen in den vergangenen vierzig Jahren kräftig aufgeholt und dabei die Jungen inzwischen überholt. 1960 betrug im früheren Bundesgebiet der Mädchenanteil an Gymnasien noch 39,8 %. Diese Quote stieg bis zum Schuljahr 1999/2000 in Deutschland auf 54,4 %. Ähnliches gilt auch für die Abschlüsse: Von den Abiturienten (Absolventen mit Hochschul- und Fachhochschulreife) waren 1999 53,3 % Frauen gegenüber 35,6 % im Jahr 1960... Ihre Beteiligung an Studium und Beschäftigung an Hochschulen (ist) in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Vom Wintersemester 1980/81 im früheren Bundesgebiet bis Wintersemester 2000/2001 in Gesamtdeutschland erhöhte sich der Anteil von Studentinnen an allen Studierenden von 36,7 % auf 45,9 % und der Anteil der Studienanfängerinnen an allen Erstsemstern von 40,4 % auf 48,9 %“ (Pressemitteilung Stat. Bundesamt v. 7.3.2001).
Das infolge der Kritik an der Koedukation vor allem in den 80er Jahren entstandene Bewußtsein, daß Mädchen als „Sozialschmiere“ zwischen den Jungen fungieren, selbst aber zu wenig Beachtung und Förderung erhielten, hatte zu breit angelegten Förderungsimpulsen und zur Erprobung einer Reihe von Modellmaßnahmen geführt (vgl. Enders-Dragässer/Fuchs 1989, Steves u.a. 1994). Das zugleich sich wandelnde Bild vom zurückhaltenden, stillen zum ausdrucksstarken und leistungsbewußten Mädchen führte dazu, daß zunehmend solche Mädchen ins Auge fielen, die die Geschlechtsrollengrenzen überschritten und Verhaltensweisen zeigten, die vorher nur oder eher Jungen vorbehalten schienen. Dies trifft nicht nur auf Leistungsstärke zu, sondern auch auf Lautstärke und aggressiven Ausdruck, die bei Mädchen nun allmählich häufiger anzutreffen waren und hinsichtlich der Einordnung und Bewertung entsprechenden Verhaltens oftmals zu Verwirrungen führten. Nicht lange ließen auch Schlagzeilen über gewalttätige Mädchen auf sich warten, die nicht nur mit den Jungen mithielten, sondern sogar brutaler seien (z.B. Spiegel 11/98). So pauschal entspricht diese These der Realität freilich nicht, sie eignet sich jedoch allemal für einen Zeitungsaufmacher.
Die Betonung von Mädchen als Täterinnen geschah zu einem Zeitpunkt, zu dem die Gewaltdebatte die Bundesrepublik überschwemmte, jedoch lange Zeit nicht zur Kenntnis genommen wurde, daß die sorgenbereitenden Gewalt in allererster Linie, in manchen Bereichen sogar ausschließlich männlich war und die Notwendigkeit von Konsequenzen in der Veränderung männlichen Verhaltens, männlicher Leitbilder und entsprechender Sozialisationsprozesse eigentlich unübersehbar machte (vgl. Heiliger/Permien 1995, Schenk 1993). Doch je mehr der Konfrontation mit der Tatsache der Geschlechtsspezifik gleich Männlichkeitsspezifik ausgewichen wurde, desto geneigter schienen Medien und in der Folge auch die Fachpresse, den Blick von den Jungen weg auf die Mädchen zu richten. Bis dahin hatten sich Fachfrauen z.B. aus dem Umkreis der IGFH primär intern mit dem Thema Gewalt- und Aggressionspotential von Mädchen (z.B. in Heimen) beschäftigt, auch im Sinn einer Auseinandersetzung mit dem institutionellen Umgang mit dieser Gewalt, d.h. mit Maßnahmen wie Wegsperren, Psychiatrisieren oder Leugnen. Zum gewandelten Weiblichkeitsbild der 90er Jahre paßte nun Gewaltbereitschaft, Rücksichtslosigkeit und Aggressivität als Negativfolie für gewachsenes Selbstbewußtsein und ausdrucksstarke Präsenz von Mädchen und jungen Frauen.
Die Angleichung der Geschlechterrollen, gern bereits als Geschlechtergleichheit/Androgynität vorweggenommen, kam allmählich aber doch voran; vor allem Mädchen/junge Frauen mit Gymnasialabschlüssen rechneten sich gute Chancen aus, sich in der Gesellschaft durchzusetzen, einer brauchbaren beruflichen Entwicklung entgegenzusehen und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu schaffen. Allmählich – freilich viel zu gering – wuchs der weibliche Anteil in sogenannten Männerberufen, wurden leistungsstarke Frauen im Sport ein fast schon alltägliches Bild und Frauen in leitenden Positionen zu lebendigen Vorbildern für junge Frauen, die ihnen eine eigene Karriere und Geltung vorstellbar sein ließen.
Die 13. Shell-Studie („Jugend 2000“) stellte einen „Prozeß der Angleichung zwischen Mädchen und Jungen in bezug auf Werte, Zukunftsvorstellungen, Lebenskonzepte, Lebenshaltungen sowie Partnerschaftsmodelle“ fest (S. 345) und zog daraus den Schluß, daß es typisch weibliche bzw. typisch männliche Lebensmuster bei deutschen Jugendlichen nicht mehr grundsätzlich zu geben scheine. Auch ihre Verhaltensbereiche hätten sich tendenziell zueinander geöffnet (S. 346).
Oechsle und Geissler (1998) stellen in ihrer empirischen Studie fest, junge Frauen gingen heute davon aus, „daß sich der weibliche Lebenslauf tiefgreifend verändert hat“ (S. 13), und leiteten daraus den Anspruch auf Gleichheit, unabhängig von ihrer Lebensplanung, ab. Einen „festen Willen nach eigenbestimmtem Leben“ bescheinigen Christiana Klose und Mechthild Jansen (1998) anhand von Aussagen erfolgreicher junger Musikerinnen einem Teil der jüngeren Generation: „Ich glaube, daß unsere Generation es so selbstverständlich nimmt, Frau zu sein und zu machen, was sie will, jedenfalls diejenigen, die so aufgewachsen sind wie wir, daß sie erst gar nicht groß darüber nachdenken“.
Pluralisierung und Individualisierung von Lebensformen, selbstverständliche Planung einer beruflichen Perspektive, der Eindruck von Gleichberechtigung gegenüber Jungen, der Eindruck einer ihnen offenstehenden Welt – frauenpolitische Erfolge der letzten zwanzig Jahre sind für viele junge Frauen heute selbstverständlich.
Die „ungleiche Gleichheit“
Doch auf die Gleichheitsmeldungen folgt in aller Regel die Auflistung der Barrieren, die Mädchen und Frauen noch immer entgegenstehen und allemal Handlungsbedarf signalisieren. Die 13. Shell-Studie stellt über ihre oben angeführte These der Angleichung der Geschlechter hinaus nicht nur fest:
- „Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen gibt es nach wie vor,
- klassisch-männlich dominierte Bereiche sind weiterhin männlich dominiert geblieben,
- die Alltagswelten unterscheiden sich immer noch“ („Jugend 2000“, S. 346),
sondern sie erkennt neu entstandene Unterschiede, die an die Stelle der alten traditionellen treten (vgl. ebd. S. 347).
Gesellschaftliche Benachteiligungen von Mädchen und Frauen sind auf der breiten Ebene noch nicht beseitigt, wie Daten und Fakten aus unterschiedlichen Bereichen belegen (vgl. Cornelißen u.a. 2002, Öchsle/Geissler 1998, Heiliger 2000, 11. Kinder- und Jugendbericht 2002 u.a.) – bei Berufsausbildung und Berufswahlspektrum, Chancen auf dem Arbeitsmarkt, Karriereaussichten, Präsenz in Führungspositionen, bei der Verteilung auf Berufsbereiche, beim Lohnniveau, hinsichtlich der Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf, sowie durch alltäglichen Sexismus und Gewalterfahrungen.
Öchsle/Geissler sprechen von einer „ungleichen Gleichheit“ (1998) und kommen zu dem Schluß, in der BRD gebe es „ein erhebliches Beharrungsvermögen der Strukturen geschlechtsspezifischer Ungleichheit, während Lebensentwürfe und Lebensführung der jungen Frauen Gleichheit voraussetzen“ (ebd. S. 23). Die beiden Autorinnen identifizieren die Stabilisierung traditioneller Geschlechterverhältnisse in der Struktur der Institutionen: „Fast könnte man von einem ‚institutional lag‘ gegenüber der kulturellen Modernisierung im Geschlechterverhältnis sprechen“ (ebd., vgl. Heiliger 2000 , 2001). Eine vorherrschende „Gleichheitsrhetorik“ produziere „Gleichheitsmythen“ und verhindere, daß die real bestehenden Ungleichheiten thematisiert und bearbeitet werden können. „Die Schein-Emanzipation“ titelte eine Spiegel-Ausgabe sozusagen als korrigierende Antwort auf die vorangegangenen, oben angeführten Titelgeschichten und beklagte darin, daß sich an der Machtverteilung zwischen Mann und Frau in der Gesellschaft bisher nicht viel verändert habe (vgl. Supp u.a. 2000).
Die Erwerbsquote von Frauen in Gesamtdeutschland ist zwar insgesamt von 51,7 % auf 60,7 % (Männer 80,2 %) gesteiegen, aber dieses Ergebnis relativiert sich durch die höheren Zahlen im Osten, den Anteil geringfügig Beschäftiger (8,3 %) und einen hohen Anteil von Teilzeitarbeitsplätzen. 90 % aller Teilzeitarbeitsplätze werden immer noch von Frauen besetzt, da Frauen nach wie vor für Erziehung und Familienarbeit zuständig sind. Von Erwerbslosigkeit sind Frauen nach wie vor in höherem Maße als Männer betroffen (1998 12,8 %, im Osten 21,8 %, BfA-Arbeitsstatistik 1998, Nürnberg 1999). Der Anteil von Frauen in sogenannten Männerberufen konnte nicht nur nicht gesteigert werden, er ging sogar zurück, insbesondere in Handwerksberufen (von 10 % auf ca. 9 %, im Tischlerberuf sogar auf 7,6 %), aber auch in technischen Berufen und im IT-Bereich (vgl. Granato/Schittenhelm 2000).
Im Rahmen der Kommunikations- und Informationsmedien bieten sich zwar wachsende Qualifizierungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten auch für Frauen, doch nur 28 % der Auszubildenden in diesem Bereich sind junge Frauen, im Osten etwas mehr, bei jugendlichen Migranten und Migrantinnen sind es allgemein sogar nur 5 %.
Hinzu kommt die Tatsache, daß Frauen nach wie vor nur 70 % des Einkommens von Männern verdienen und weiterhin in Leitungs- und Führungspositionen enorm unterrepräsentiert sind. Ferner ist eine deutlich höhere Beteiligung von Männern an der Reproduktionsarbeit nach wie vor nicht festzustellen, so daß eine echte Wahlfreiheit für junge Frauen für oder gegen Erwerbsarbeit eigentlich nicht gegeben ist (vgl. Paar 1997, Schittenhelm 1998).
Hinsichtlich der schulischen Ausbildung weisen Mädchen zwar mittlerweile ohne Zweifel bessere Schulabschlüsse als Jungen auf (vgl. Berufsbildungsberichte 1998, 1999, 2000), und die Ausbildungsquote junger Frauen ist bis 1997 insgesamt auf 48 % gestiegen. Doch garantiert auch schulische Ausbildung bzw. ein schulischer Abschluß kein Beschäftigungsverhältnis, bestehen entsprechende Risiken nicht nur für junge Frauen ohne oder nur mit Hauptschulabschluß. Auch für solche mit Realschulabschluß weist der jetzige Ausbildungs- und Arbeitsmarkt Engpässe und mangelnde Möglichkeiten auf (Granato/Schittenhelm 2000, S. 123).
Unverändert geblieben ist das enge Berufswahlspektrum der Mehrheit junger Frauen: 54 % „aller Mädchen und jungen Frauen konzentriert sich bei der Berufs- und Ausbildungswahl noch immer auf zehn typische Büro- und Dienstleistungsberufe mit einer zumeist unterdurchschnittlichen Lohnstruktur und schlechteren Einstiegs- und Aufstiegsbedingungen“ (BMFSFJ, Pressemeldung vom 21.5.2001). Bürokauffrau und Kauffrau im Einzelhandel (8 bzw. 7,2 %) stehen an erster Stelle der von den jungen Frauen gewählten Berufe, gefolgt von Friseurin (6,3 %), Arzthelferin (6,2 %), Industriekauffrau (5,2 %) und Zahnarzthelferin (5,1 %). Im Osten entscheiden sich mehr für eine Ausbildung zur Kauffrau, und Migrantinnen kommen an erster Stelle als Friseurin unter (16,2 %) (Granato/Schittenhelm 2000, Berufsbildungsbericht 2000, Übersicht 41, Stürzer 2002). 60 % der Ausbildungsberufe sind überwiegend männlich dominiert und nur 20 % überwiegend von Frauen besetzt. 52 % der jungen Frauen ausländischer Herkunft münden sogar in nur vier Ausbildungsberufe (Arzthelferin, Zahnarzthelferin, Kauffrau im Einzelhandel und Friseurin), dagegen 26,5 % bei deutschen jungen Frauen (Granato/Schittenhelm 2000, S. 139).
Während die eingeschränkte Berufswahl gern den jungen Frauen selbst angelastet wird, weisen Forscherinnen darauf hin, daß z.T. unveränderte geschlechtsstereotype Zuweisungen nach wie vor die Entscheidungen junger Frauen über ihre beruflichen Perspektiven beeinflussen (vgl. Lemmermöhle 1997, Granato/Schittenhelm 2000). Eine Befragung hat z.B. ergeben, daß Eltern von Haupt- und Realschülerinnen gute Leistungen ihrer Töchter weniger ernst nehmen und die Eignung für frauentypische Berufe voraussetzen (vgl. Hose u.a. 1997). Barbara Stauber (1999) übt Kritik an Berufsberatungen, die Mädchen immer noch einseitig beraten und zu ihrer Kanalisierung in traditionelle Frauenberufe beitragen. In diesem Bereich besteht offensichtlich ein Aufklärungs- und Fortbildungsbedarf bei den Fachkräften. Insgesamt scheinen Arbeitsamt, Lehrer und Lehrerinnen, Eltern und das gesamte soziale Umfeld an dieser Kanalisierung in typische Frauenberufe beteiligt zu sein und damit in der Summe die Entmutigung zu bewirken, sich eine Perspektive in anderen Berufsbereichen vorstellen und zutrauen zu können. Zu berücksichtigen ist auch, daß rückläufige Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt zu den anderen Faktoren noch hinzukommen, die bei den Entscheidungen der jungen Frauen für ihre berufliche Perspektive eine Rolle spielen.
90 % der jungen Frauen zwischen 25 und 30 Jahren haben zwar heute eine abgeschlossene Berufsausbildung, was zeigt, daß ein weiblicher Lebenslauf ohne die Option der Erwerbstätigkeit kaum noch denkbar ist und auch Verschlechterungen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt die Berufsorientierung junger Frauen offensichtlich nicht mehr einschränken (vgl. Schittenhelm 1998). Doch während der Ausbildung sind sie mit einer Reihe von Benachteiligungen konfrontiert, wie z.B. ihrer wesentlich geringeren Beteiligung in der Ausbildung im dualen System (52,2 % zu 74 % bei jungen Männern).
Das duale System verbindet betriebliches Lernen mit berufsschulischen Angeboten in anerkannten Ausbildungsberufen und bietet eindeutig jungen Männern bessere Chancen: „(Es) kann von einem erheblichen Ungleichgewicht zwischen den Interessen und den Chancen von jungen Frauen im dualen System gesprochen werden“ (ebd., S. 129). Daher sind junge Frauen im Vergleich zu Jungen doppelt so häufig im vollzeitschulisch organisierten Berufsbildungssystem zu finden. Einen Ausbildungsplatz in einem Betrieb erhalten sie seltener als Jungen und müssen auf eine außerbetriebliche Ausbildung ausweichen, was sich nachteilig für sie auswirkt. Aber auch hier sind junge Frauen mit 31% unterrepräsentiert (hier hauptsächlich in hauswirtschaftlichen und pflegerischen Berufen) und mit 27 % bei den ausbildungsbegleitenden Hilfen für benachteiligte Jugendliche (vgl.Granato/Schittenhelm 2000, Paar 2002). Auch junge Frauen im Osten müssen häufig trotz guter, zum Teil sehr guter Schulabschlüsse und unabhängig von Benachteiligungsversuchen eine außerbetriebliche Ausbildung beginnen oder in der Schullaufbahn verbleiben (vgl. ebd.).
In männerdominierten Berufen sind junge Frauen weiterhin mit 10 % sehr wenig vertreten, wobei in den neuen Bundesländern mit 18,8 % ein wesentlich höherer Anteil vorliegt, der vermutlich auf die historischen Bedingungen in der ehemaligen DDR zurückzuführen ist (vgl. ebd.).
Auch im Osten ist der Trend zur Individualisierung und Pluralisierung deutlich spürbar, Freiheiten und Wahlmöglichkeiten für Mädchen und Frauen sind erheblich angewachsen (vgl. Bütow 2000). Doch die Benachteiligung von Mädchen ist auch im Osten nicht zu übersehen: „Mädchen werden nach wie vor in der beruflichen Ausbildung und bei der Vergabe von Lehrstellen benachteiligt, haben auf dem Arbeitsmarkt deutlich mehr Schwierigkeiten, einen ihrer Qualifikation entsprechend bezahlten und sicheren Job zu bekommen. Hinzu kommen einerseits Benachteiligungen im nicht kommerziellen Freizeitbereich, der mädchenspezifischen Interessen nur wenig entgegenkommt, andererseits potentielle Gefährdungen und Ängste gegenüber sexuellen Übergriffen im öffentlichen Raum“ (ebd., S. 41).
Insgesamt sind die Freiräume für Mädchen erheblich gewachsen und hat die Zuweisung traditioneller Geschlechterrollen bedeutend abgenommen, doch steht dem ein Trend zur Wahl eher typisch weiblicher Berufe entgegen; sogenannte männliche Berufsbereiche, in denen Frauen in der DDR wesentlich häufiger vertreten waren als im Westen, werden von den jungen Frauen heute weniger denn je gewählt. Eine Annäherung im Verhalten von Mädchen an Jungen ist zu beobachten, jedoch auch im Osten nicht umgekehrt von den Jungen an weiblich konnotierte Eigenschaften und Verhaltensweisen: „Jungen halten aufgrund ihrer Position in ... Gruppen an ihrer Dominanz-Identität fest, Mädchen ordnen sich vielfach unter...“ (ebd., S. 42).
Benachteiligungen bestehen für Mädchen und junge Frauen z.B. auch bei der Gewährung von erzieherischen Hilfen. Die geschlechtsspezifische Analyse dieser Hilfen ergibt, daß Mädchen entsprechende Maßnahmen seltener und über einen kürzeren Zeitraum gewährt werden als Jungen. Mädchen im Kindesalter sind deutlich unterrepräsentiert, erst ab der Pubertät werden sie gleichermaßen von der Jugendhilfe erreicht (vgl. Finkel 2000, Daigler/Finkel 2001), wenn sich ihre Probleme in der Familie zuspitzen:
- „Wenn Mädchen nicht länger als Kinder, sondern vor allem als Frau wahrgenommen und damit in ihrem Verhalten kritischer beäugt werden,
- wenn Konflikte in der Familie eskalieren und die Autonomieansprüche der Mädchen massiv mit stärkeren Kontrollbestrebungen in den Familien kollidieren,
- wenn Mädchen sich weiter verselbständigen und den Mut und die Kraft aufbringen, eigenständig Hilfe für ihre Probleme und Schwierigkeiten zu suchen“ (Weber 2000, S. 5).
Die Probleme von Mädchen werden nach wie vor wenig gesehen, es wird von einer „doppelten Benachteiligung“ gesprochen (vgl. Kriener/Hartwig 1997, Schäfter/Hocke 1995). Der Anteil von Mädchen als Nutzerinnen von Erziehungshilfen stieg zwar insgesamt von ca. einem Drittel in den 80er Jahren auf 43 % Ende der 90er Jahre (vgl. Pothmann/Rauschenbach 1999), die Aufmerksamkeit gilt aber stärker nach wie vor den Jungen, die bekanntermaßen mit auffälligeren Verhaltensweisen mehr ins Auge fallen (vgl. Finkel 2000). So werden in vielen Formen der Hilfen zur Erziehung Jungen häufiger betreut, Mädchen sind beim Aufnahmealter wesentlich älter als Jungen (Jungen ab 6, Mädchen ab 15 Jahren) und werden zuvor eher in der Familie belassen, bis sie mit 15 Jahren selber den Anspruch auf Hilfe anmelden können, aber „dann ist eben schon sehr viel passiert...“ (ebd., S. 35).
Bei den ambulanten Hilfen und der Tagesbetreuung sind die Mädchen unterrepräsentiert, während sie bei Betreuung in der eigenen Wohnung überrepräsentiert sind, was hohe Anforderungen an eine selbständige Lebensführung stellt.
Migrantinnen sind im Verhältnis zu deutschen Mädchen und Frauen verstärkt benachteiligt. Insgesamt sind Migrantinnen nur zu 36 % erwerbstätig, und im gleichen geringen Verhältnis beginnen die jungen Frauen eine Berufsausbildung (vgl. Granato/Schittenhelm 2000). Im Jahr 2000 befanden nur 32 % der jungen Migrantinnen gegenüber 55 % der deutschen jungen Frauen in einer Berufsausbildung (vgl. Berufsbildungsbericht 2000). Dabei weisen junge Migrantinnen eine hohe Bildungs- und Ausbildungsmotivation auf. In der Ausbildungsplatzvergabe werden deutsche Mädchen von den Betrieben vorgezogen (vgl. Otyakmaz 2001), in Ausbildungsstellen für Berufe mit geringen Verdienstmöglichkeiten sind junge Migrantinnen überdurchschnittlich häufig vertreten (vgl. Granato/Werner 1999). Auch in den Maßnahmen der Jugendberufshilfe sind Migrantinnen bei Ausbildungsbeteiligungen nur 5 bis 7 % berücksichtigt (vgl. Collaz 2001). Ein besonderes Defizit betrifft die Ausbildung von Migrantinnen in IT-Berufen und Kommunikationstechniken sowie in Metallberufen und Elektrotechnik (vgl. ebd.).
Das Instrument des Gendermainstreaming als Strategie zur Erreichung der Gleichstellung: Chancen und Gefahren
Große Hoffnungen
Die Beharrungstendenzen in der asymmetrischen Geschlechterverteilung und die Analyse des „institutional lag“ haben die Idee des Gendermainstreaming geboren, in der Erkenntnis, daß die bisherigen Instrumente der Frauenförderung geschlechtertraditionelle Denkstrukturen und Verhaltensweisen in vielen Bereichen nicht oder viel zu langsam aufweichen konnten (vgl. Stiegler 2000, Brommer 2002). Die infolge der Diskussionen auf der 4. Weltfrauenkonferenz 1995 in Bejing – umgesetzt in den Amsterdamer Vertrag von 1997 und den Kabinettsbeschluß der Bundesregierung vom Juni 1999 – nun geltende staatliche Verordnung, Geschlechterkategorien immer mitzudenken und im fachlichen Handeln bewußt zu machen, welche unterschiedlichen Voraussetzungen die beiden Geschlechter mitbringen, wie die jeweiligen Maßnahmen sich auf Frauen und Männer auswirken und wie darauf im Sinn der Umsetzung von Gleichberechtigung zu reagieren ist, wurde allseits mit großer Hoffnung und Begeisterung aufgenommen: „Gendermainstreaming bezeichnet den Prozeß und die Vorgehensweise, die Geschlechterperspektive in die Gesamtpolitik aufzunehmen. Dies bedeutet, die Entwicklung, Organisation und Evaluierung von politischen Entscheidungsprozessen und Maßnahmen so zu betreiben, daß in jedem Politikbereich und auf allen Ebenen die Ausgangsbedingungen und Auswirkungen auf die Geschlechter berücksichtigt werden, um auf das Ziel einer tatsächlichen Gleichstellung von Frauen und Männern hinwirken zu können. Dieser Prozeß soll Bestandteil des normalen Handlungsmusters aller Ressorts und Organisationen werden, die an politischen Entscheidungsprozessen beteiligt sind“ (www.bmfsfj.de). Besonders wird in dem Papier des Bundesministeriums die sogenannte „Doppelstrategie“ betont: Das Zusammenwirken spezifischer Mädchen- und Frauenpolitik mit dem Gendermainstreaming als zwei unterschiedliche Strategien zur Erreichung der Gleichstellung der Geschlechter. Bekräftigend heißt es weiter: „Beide Strategien sind zur Zielerreichung notwendig und ergänzen sich gegenseitig; sie können sich nicht ersetzen.“ Mädchen- und Frauenförderung bezieht sich auf spezifische Maßnahmen, während Gendermainstreaming bei allen politischen Entscheidungen ansetzt (vgl. ebd.) und „bei allen politischen, normgebenden und verwaltenden Maßnahmen der Bundesregierung zu beachten“ ist (Schweikert 2002).
Als europäische Richtlinie verpflichtet Gendermainstreaming die europäischen Staaten zur Befähigung, mit diesem neuen Instrument umzugehen. Die Prozesse der Schulungen sowie die ersten Umsetzungsschritte und Projekte sind in vollem Gang (vgl. Stiegler 2000, Schweikert 2001, 2002, Blickhäuser 2001). Begleitet von einer interministeriellen Steuerungsgruppe „(hat sich) jedes Ressort verpflichtet, seine Beschäftigten so fortzubilden, daß sie Gendermainstreaming in ihrem Fachbereich berücksichtigen können“ (Schweikert 2002).
Das Ganze hört sich nach großem Aufbruch und grundlegendem Ansatz an der Struktur politischen Denkens und Handeln in bezug auf die Geschlechterfrage an und begründet daher die große positive Resonanz, zumindest aber zurückhaltendes Abwarten.
Gefahr 1: Aushebelung von Frauenförderung?
In Anbetracht der Prozeßhaftigkeit der begonnenen Entwicklung scheint allerdings der Begriff des Gendermainstreaming oft zu rasch in Papiere und Verlautbarungen integriert zu werden. Angesichts der Analyse der „Beharrungstendenzen“ kann die unmittelbare Übernahme des Konzeptes kaum davon überzeugen, daß der gewünschte Umdenkungsprozeß bereits vollzogen wurde. Mit der Leitlinie des Gendermainstreaming soll ja erst das Bewußtsein der geschlechtsbezogenen Verhaltensweisen entstehen, um das professionelle Handeln langfristig umzubauen. Da wird der Begriff bereits gelegentlich mit der Absicht verwendet, geschlechtsspezifische und im besonderen geschlechtshomogene Arbeit für überflüssig oder veraltet zu erklären und Frauen- und Mädchenförderung auszuhebeln (vgl. Bitzan/Daigler 2001, Weber 2001, Jantz 2002).
In einer Stadt der Bundesrepublik wurde bereits das Frauenbüro aufgelöst – unter Berufung auf das Konzept des Gendermainstreaming und deklariert als Fortentwicklung der Frauenförderung – und ein sogenanntes Genderbüro gegründet mit der unspezifischen Formulierung: „Stabsstelle für individuelle Chancengleichheit“ (vgl. Beschlußvorlage der LH Stuttgart v. 12.7.2001). Dies ist eine Entwicklung, die auf die Gefahren des Gendermainstreaming-Konzeptes aufmerksam macht: Da, wo der Ansatz geschlechts- resp. frauenspezifischer Förderung bereits vorher auf Widerstand gestoßen war, kann das Konzept des Gendermainstreaming zur Entledigung mißliebiger politischer Praktiken benutzt/mißbraucht werden. Die Stellungnahme der Stuttgarter Gleichstellungsstelle zur Beschlußvorlage, in der sie auf die Doppelstrategie verweist, wurde mit der lapidaren Begründung nicht berücksichtigt, daß
„a. das Ziel der individuellen Chancengleichheit nicht mitgetragen wird,
b. frauenpolitische Initiativen von den Aufgabenfeldern... des Beschlußantrages umfaßt werden,
c. der Begriff des Gendermainstreaming von der Gleichstellungsstelle anders interpretiert wird,
d. die organisatorischen Auswirkungen der Neustrukturierung noch zu klären sind“ (ebd. S.5).
Dies ist ein Beispiel kompletter Aushebelung der bisherigen Frauenförderungsstruktur mit dem Machtakt des „Malestreams“ (Drogand-Strud 2002), einer willkürlichen Definition von Gendermainstreaming, die sich von den politischen Vorgaben abkoppelt. Wie groß die Gefahr beliebiger Wiederholungen entsprechender Praxen ist, zeigt das Fehlen jeglicher Kontroll- und Sanktionsmöglichkeiten von der Bundesebene in die Länderebenen hinein.
Gefahr 2: Beendigung von Mädchenförderung?
Im Bereich der Mädchenförderung gibt es ähnliche Tendenzen. Für Mädchenförderung gäbe es angesichts des großen Fortschritts, der bei Mädchen und jungen Frauen zu verzeichnen wäre, keinen Bedarf mehr, ist mittlerweile zu hören (vgl. Meyer/Seidenspinner 1999, Meyer 1999). In den ab dem 1.1.2001 in Kraft getretenen Richtlinien zum Kinder- und Jugendplan (KJP) des Bundes ist das bisherige Mädchenprogramm bereits durch Formulierungen ersetzt worden, die sich gleichermaßen auf Mädchen und Jungen beziehen, ohne die bestehende geschlechtsspezifische Asymmetrie zu berücksichtigen (vgl. Struck 2001). Norbert Struck vom Paritätischen Wohlfahrtsverband kommentiert diese Entscheidung folgendermaßen: „Noch bevor sich irgendein Ertrag des Gendermainstreaming in Bezug auf Umschichtungen und Umorientierungen in den anderen Programmen zugunsten von geschlechtsspezifischen und mädchenbezogenen Projekten und Infrastrukturen zeigt, werden schon mal die Mittel des Mädchenprogramms ,gegendert‘, also den Mädchenprojekten zum Teil entzogen und Jungenprojekten zugewiesen. Gendermainstreaming als Abbau von mädchenpolitischen Ressourcen im KJP!“ (ebd. S. 44; vgl. Enggruber 2001, S. 42).
Selbst die Sachverständigenkommission des 11. Kinder- und Jugendberichts (Berlin 2002) äußert Skepsis, ob das Konzept des Gendermainstreaming erfolgreich umgesetzt wird: „In Förderplänen der Kinder- und Jugendhilfe läßt sich bis dato jedenfalls eine Praxis beobachten, die durch den schlichten Bearbeitungsmodus suche ,Mädchen‘ und ersetze durch ,Mädchen und Jungen‘ sich des Problems eher zu entledigen als dieses zu bewältigen versucht“ (ebd. S. 113).
Während Jungen sich bekanntlich schon immer schwertaten, wenn Mädchen in Jugendarbeit und Schule besondere Aufmerksamkeit erhielten, geben nun auch die Fachkräfte wieder Argumenten Raum, die Sorge müsse zukünftig den Jungen gelten, die hinsichtlich spezifischer Förderungen als benachteiligt gesehen werden (vgl. kritisch: Jantz 2002). Ihre Entdeckung als Defizitwesen war Anfang der 90er Jahre ein Novum innerhalb der noch jungen Männlichkeitsdebatte (vgl. Schnack/Neutzling 1990).
Die Diskussion um Dekonstruktivismus und „Doing Gender“ (vgl. Mühlen Achs 1998, Butler 1990) wird als weiteres Argument angeführt, um mädchenspezifische Arbeit als nicht mehr zeitgemäß zu deklarieren (vgl. Meyer 1999, Rose/Scherr, Jantz 2002). Vor allem die theoretische Diskussion über den Abbau der Geschlechtsrollenzuweisungen im dekonstruktivistischen Konzept wird unmittelbar auf die vorgefundene Realität übertragen, was zu der Auffassung führt, Geschlecht verliere für die persönliche Identitätsbildung zunehmend an Bedeutung, die Unterschiede innerhalb eines Geschlechtes seien mittlerweile größer geworden als die zwischen den beiden Geschlechtern. Darüber hinaus heißt es, die Mädchen selbst wollten eine besondere Förderung gar nicht (mehr), sähen sich nicht als gesellschaftlich benachteiligt und wollten nicht als Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse gesehen werden. Sie nehmen sich als gleichberechtigt wahr und verwenden den Begriff „Emanze“ eher als Schimpfwort zur negativen Abgrenzung.
In dieser Richtung argumentieren vor allem Meyer/Seidenspinner (1999), Mädchenarbeit sei nicht mehr zeitgemäß, sie beziehe sich auf Maximen, die in den 80er und 90er Jahren gültig gewesen seien. Die Autorinnen werfen den Pädagoginnen in der Mädchenarbeit vor, die veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse und theoretischen Diskurse nicht zu reflektieren, und polemisieren, es handle sich um Ansätze einer Pädagogik, „die sich in einem gut kaschierten Herrschaftsanspruch des permanenten und wortreichen Einsatzes für andere vor allem beweist“ (ebd. 1999, S. 70). Diese Äußerungen sind zum einen fachlich nicht nachvollziehbar, zum anderen ignorieren sie die Mädchenforschung der 90er Jahre. Sie orientieren sich an theoretischen Diskussionen, die davon ausgehen, Gleichstellung in der Gesellschaft sei erreicht, sowie an allgemeinen jugendspezifischen Theorien, die eine geschlechtsspezifische Reflexion aber vermissen lassen. Struck identifiziert dagegen Widerstände und Hemmnisse gegen mädchenspezifische Ansätze, „durch die die Machtallianzen des kommunalen Malestreams den geschlechterdifferenzierenden Blick spätestens dann zurückweisen, wenn er notwendige Konsequenzen im Hinblick auf Machtspiele und Ressourcen entwickelt und einfordert“ (Struck 2001, S. 43).
Wenn die derzeitigen dekonstruktivistischen Ansätze in der Geschlechterforschung in einen ursächlichen Zusammenhang mit dem Gendermainstreaming gebracht werden, wird dieses Konzept verfälscht und der Gleichstellungsdiskurs ausgeblendet (vgl. Meyer 1999, kritisch: Struck 2001). Gendermainstreaming ist nicht Ergebnis der Debatte um Konstruktion von Geschlecht, sondern der Entschlossenheit, der geschlechtsspezifischen Sicht- und Handlungsweise zur Durchsetzung in Politik und Verwaltung mit dem Ziel der Geschlechtergerechtigkeit in Anerkennung der Unterschiedlichkeit zu verhelfen: „In allen Lebensbereichen bestehen Unterschiede in der Lebensrealität von Frauen und Männern. Daher ist das Ausgehen von geschlechtsneutralen Entscheidungen irreführend und bedeutet in der Regel eine selbstverständliche Übernahme männlich geprägter Sicht- und Vorgehensweisen, was dem Ziel der Herstellung einer Geschlechtergerechtigkeit widerspricht. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern müssen daher in Analyse, Planung, Durchführung und Auswertung von politischen Entscheidungen thematisiert und transparent gemacht werden“ (www.bmfsfj.de, S. 7).
Die neuen gesellschaftspolitischen Theorien und Analysen wurden bereits Anfang bis Mitte der 90er Jahre innerhalb der Mädchenpolitik, Mädchenpraxis und Mädchenforschung reflektiert und in ihrer Bedeutung für die Mädchenarbeit bewertet (vgl. Funk 1995, Funk/Schwarz 1999, Bitzan/Daigler 1999, 2001, Möller 1997, Schwarz 1997 u.a.). Diese Bewertung geschah aus der einschlägigen Kenntnis von Mädchenarbeit und bisheriger Forschung, daraus wurden Vorschläge für eine Mädchenarbeit entwickelt, die veränderte gesellschaftliche Bedingungen zum Ausgangspunkt hat (vgl. z.B. Bitzan/Daigler/Rosenfeld 1999).
Meyer/Seidenspinner (1999) bezogen sich auf diese Reflexionen und Vorschläge nicht, was die Verantwortlichkeit bei Meyer für die Evaluation der so wichtigen Fortsetzungsphase der Mädchenförderung im Kinder- und Jugendplan (KJP) des Bundes unverständlich macht. Nur hohe Fachlichkeit, umfassende Kenntnis der Mädchenarbeit und -forschung können dieVoraussetzung für ernstzunehmende Bewertungs- und Entscheidungskompetenz für die Zukunft der Mädchenförderung bilden. Das Fehlen dieser Voraussetzung wurde auch in einer Broschüre sichtbar, in der Meyer/v. Ginsheim Aussagen aus Expertinnen-Interviews zusammenstellten (vgl. Ginsheim/Meyer 1999) – es mangelt an systematischen inhaltlichen Zuordnungen, die Aussagen erscheinen verfremdet wiedergegeben und in unzutreffende Zusammenhänge gebracht.
Die Schlußfolgerungen, die später in entsprechenden Artikeln auftauchten, sind m.E. aus den Aussagen der Interviewten nicht abzuleiten. Die Autorinnen wurden folglich von der Mädchenarbeitsszene auch heftig kritisiert, die ihre Erfahrungen und Einschätzungen falsch interpretiert sah (vgl. Debbing/Ingenfeld 1998). Cecilia Debbing und Marita Ingenfeld (1999) von der Fachstelle Mädchenarbeit NRW, Fuma, kritisierten darüber hinaus, daß Meyer/Seidenspinner ihr „Plädoyer für einen Paradigmenwechsel“ (1999) auf der Sichtung von 231 Finanzierungsanträgen, die in der zweiten Phase des Bundes-Modellprogramms „Mädchen in der Jugendhilfe“ gestellt wurden, gründen, bei denen sie einen Mangel an Innovation meinten feststellen zu können. Debbing und Ingenfeld weisen daraufhin, daß das Ziel von Antragstexten die Bewilligung der beantragten Gelder ist, sie sich daher eng an Finanzierungskriterien der Verwaltung orientieren. Sie halten es für unzulässig, aus diesen Texten auf die Praxis der Mädchenarbeit als Ganzes zu schließen, zumal eine Auseinandersetzung mit den Grundlagen der Mädchenarbeit von Meyer/Seidenspinner nicht geleistet worden sei.
Der Finanzierungsaspekt verweist auch auf grundsätzliche Behinderungen innovativer Entwicklungen in staatlich geförderten Projekten. Förderung erfordert die Einordnung in gegebene Kriterien der Verwaltung, die die Effektivität eines Projekts wiederum hieran mißt. Impulse, die neue Lösungen oder Ansätze versprechen, lassen sich über diesen Status quo oft nicht rechtfertigen und laufen daher Gefahr, eher abgewürgt als aufgegriffen zu werden. Die Entwicklung in der BRD zur Institutionalisierung von Mädchen- und Frauenprojekten über öffentliche Gelder hat m.E. insgesamt eine hohe Anpassung an ein traditionelles Professionalitätsverständnis bewirkt. Dieses läuft den Lebenssituationen von Mädchen und Frauen und der Vielfalt ihrer Bedürfnisse, Interessen, Fähigkeiten und Probleme oftmals entgegen und ordnet sich in institutionelles Handeln ein, das ursprünglich zur Gründung der Mädchen- und Frauenprojekte als Kritik an eben diesem Handeln geführt hatte. Innovative Entwicklungen wurden in weiten Teilen durch die Finanzierungskriterien untergraben.
Die Vorgehens- ebenso wie Argumentationsweise von Meyer/Seidenspinner/von Ginsheim im Hinblick auf die Mädchenarbeit zeigen teilweise eine antifeministische Wirkung, die sich u.a. an der Bereitschaft zur (neuerlichen) Infragestellung von (parteilicher) Mädchenarbeit ablesen läßt (vgl. u.a. Rose 2000, Scherr 2000).
Parallel zu den angeführten Diskussionen und Einschätzungen wurde im Zuge kommunaler Verwaltungsreformen bereits auf andere Weise der Durchsetzung des Gendermainstreaming als fachlicher Haltung vorgegriffen. Der Begriff Mädchen bzw. Frauen wurde z.B. in München aus den Kategorien der Zuordnungen von Projekten und Arbeitsansätzen bereits eliminiert, so daß eine ausgewiesene Mädchen- bzw. Frauenförderung als Finanzierungskriterium nicht mehr erscheint. Die entsprechenden Projekte/Maßnahmen wurden anderen Schwerpunkten zugeordnet, die eine geschlechtsspezifische Differenzierung nicht mehr enthalten, wie Stadtteil, Familie, Beratung usw. Dieser Vorgriff geschieht zu einem Zeitpunkt, zu dem mit zunehmender Durchsetzungskraft die strukturelle Verankerung von Mädchenförderung im Rahmen der Jugendhilfe gefordert und teilweise auch eingelöst wurde (vgl. u.). Die Eliminierung der Kategorie Mädchen und Frauen stellt die mädchen- und frauenpolitische Diskussion vor eine ganz neue Situation, deren politische Bedeutung und Konsequenzen für die Praxis m.E. bisher noch nicht realisiert wurde.
Andernorts wurden bereits Frauengremien aufgelöst – wie z.B. im Landesjugendring NRW – und die Verabschiedung mädchenpolitischer Leitlinien mit der Begründung verhindert, jungenpolitische Leitlinien müßten gleichzeitig verabschiedet werden: „Makaber ist, wenn – wie einige Frauen berichteten – die Verabschiedung mädchenpolitischer Leitlinien verhindert wird mit dem Argument, zunächst müssen jungenpolitische Leitlinien erarbeitet werden, dann könne man beides im Paket verabschieden, aber dieser Arbeitsprozeß sei leider noch nicht in Gang gekommen. Man könne da nicht anders, denn jetzt herrsche Gendermainstream“ (Struck 2001, S. 43).
2002 -
160 S. -
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- ISBN 3-88104-351-9