Luisa Francia

In den Gärten der Kore
Visionen aus einem weiblichen Universum

Leseprobe:

GEFÄHRLICHE ÜBERGÄNGE

Eine Frau stand auf dem Fensterbrett im vierten Stock eines brennenden Hauses. Tief unter ihr hatte die Feuerwehr ein Sprungtuch gespannt. Der Weg durch das Haus war ihr verwehrt. Sie mußte springen. Dieses Foto sah ich als Kind im Münchner Merkur, den wir abonniert hatten. Ich weiß nicht, wie die Geschichte ausging. Ich erinnere mich aber sehr genau an den Wortwechsel, den meine Oma und meine Mutter darüber hatten.
Mein Gott, da hinunter springen! sagte meine Mutter entsetzt.
Darauf meine Oma streng: Soll sie verbrennen?
Ja freilich nicht, sagte meine Mutter, aber stell dir das einmal vor.
Das muß ich mir nicht vorstellen, sagte meine Oma, die sich nicht lange mit Qualen aufhielt, besonders, wenn sie nichts mit ihr zu tun hatten. Für mich ist dieses Bild zum Symbol für gefährliche Übergänge geworden. Du hast keine Wahl, das Alte geht nicht mehr, das Neue ist bedrohlich, vielleicht lebensgefährlich, vielleicht tödlich, aber du hast keine Wahl.
So fängt es bei der Geburt schon an. Obwohl der Zustand im Mutterbauch paradiesisch ist oder wenigstens sein kann, muß dieser ruhige, geborgene Ort irgendwann aufgegeben werden. Wir müssen die schaukelnde Wärme mit der harten, kalten, gnadenlosen Außenwelt vertauschen. Es gibt keine andere Wahl, denn würden wir im Bauch bleiben, dann würden wir uns mit dem Fruchtwasser vergiften, das langsam kippt und von der Nährlösung zum Gift wird. Daß nährende Situationen das Leben auch vergiften können, bleibt ein roter Faden durchs ganze Leben. Wer zu lange im Vertrauten verweilt und die Reibung mit der Außenwelt nicht wagt, erstickt vielleicht im zähen Schleim der altbekannten Soße. Wer will schon ein ganzes Leben lang gestillt werden? Und doch ist das Ende der intimen Mutter-Kind-Beziehung traumatisch und höchst schmerzhaft. Viele Menschen hätscheln dieses Trauma ihr Leben lang, baden sich im Schmerz der Ur-Trennung und verweigern auch allen anderen Herausforderungen ihre Kooperation. Eine der gerade am meisten diskutierten Situationen des Verharrens im Unerträglichen ist die Unfähigkeit junger Männer, sich dem Leben zu stellen (Hotel Mama), obwohl die Mutter als uncool und lästig bekämpft wird. An der Schwelle in die Falle getreten! Wir könnten jetzt darüber hämisch lachen, ja die blöden Jungs, sie checken es halt nicht. Aber wie oft schnappt die Falle zu, ohne daß wir es merken!
Bei der Geburt werden wir in die Welt der Materie initiiert und verlieren die Erinnerung an die Impulse des Universums ziemlich schnell. Die Einweihung in die menschliche Existenz scheint ein ständiger Verlust zu sein. Kaum haben wir die universelle Weisheit verloren, steht schon die Pubertät an. Das sich drehende, wunderbare, taumelnde, erschreckende, beglückende Reich der Kindheit verschwindet wie hinter einer Panzerglasscheibe. Noch können wir uns an die Freuden und Schrecken der Kindheit erinnern, noch strahlen Verwandte eine gewisse Vertrautheit und Sicherheit aus. Aber die bevorstehende Initiation in die Phase der Reproduktion, in der wir, ob wir das wollen oder nicht, auf das Weiterstricken des Menschheitsgewebes vorbereitet werden, raubt uns die verantwortungsfreie Wildheit der Kindertage. Vielleicht war die Kindheit nie verantwortungsfrei und wild, dennoch bringt die Pubertät schockartig eine neue Verantwortung mit: Du könntest nicht nur für dich, sondern auch für ein Kind verantwortlich sein, wenn du nicht aufpaßt. Das gilt natürlich wieder nur für Frauen, die bei ungeschütztem Verkehr (oft ahnungslos) mit den Folgen konfrontiert werden, während die Jungs dann gern bei Mama abtauchen.
Gibt es also eine Initiation ins Erwachsenwerden nur bei Frauen? Jedenfalls ist sie sichtbar, nachvollziehbar. Denn mit der Menstruation beginnt eine neue Lebensphase, der Frauen sich stellen müssen, ob sie Lust dazu haben oder nicht. Bei vielen jungen Frauen gibt es deshalb das Phänomen, daß sie sehr spät oder erst mal überhaupt nicht menstruieren. Die Last des Frauseins ist oft derart negativ in ihr Bewußtsein eingesickert, daß sie dazu überhaupt keine Lust haben. Wenn sie ihre Mütter betrachten, deren unterwürfiges oder hilfloses Verhalten gegenüber ihren Männern, vergeht ihnen die Lust, Frau zu sein. Aber eine sexuell aktive Mutter ist auch nicht gerade der Traum einer pubertierenden Tochter. Peinlich die kurzen Röcke, peinlich die Balzrituale.
Wie kann man in diesem Alter noch Sex haben wollen! Grausam! So wie wir bei der Geburt das Glück universeller Freiheit verlieren, verlieren wir in der Pubertät die Kindheit. Nicht für immer. Denn bei jedem Übergang lauern ja nicht nur Gefahren, sondern auch Entwicklungen und Freuden. Die Ausbeuter der Übergänge, von der Pharma- über die Spielwaren-, Zuckerwaren-, Junkfood-, Kleidungs-, Musikindustrie, wollen alle an der Initiation verdienen, an den Anpassungsritualen, den Symbolen, der Grundausstattung der neuen Zeit. Und während die globalen Abzocker die Übergangsriten der Menschheit mit ihren Produkten fest im Griff haben, sorgen sie gleichzeitig dafür, daß einer der interessantesten Übergänge gesellschaftlich diffamiert und ausgegrenzt wird, denn es ist die Initiation, an der sie am wenigsten verdienen, die ihnen am meisten Kundschaft entzieht: die Wechseljahre. Sicher, es gibt jede Menge Produkte für die Wechseljahre, von Hormonen und Antifaltenkosmetik über Tees bis zu Wellnessangeboten. Aber ein Phänomen irritiert die Industrie mehr als Krisen, Rezessionen und Börsenschwankungen: das wachsende Bewußtsein und die nachlassende Konsumbereitschaft der Frauen in der Menopause. Denn diese Schwelle im Leben einer Frau ist die bedrohlichste und verheißungsvollste zugleich: Der Kreis schließt sich, du näherst dich wieder der Weite des Universums, du hast Erfahrungen zur Verfügung, die du in deiner Jugend nicht so ohne weiteres abrufen konntest. Du siehst die Zusammenhänge und benennst sie – die renitenten alten Frauen! Die Qualen der ersten Verliebtheit, der Stress der Kindererziehung, die Bedrängnis im Beruf, all die rätselhaften Situationen, die dich von einer Verzweiflung in die nächste geworfen hatten, weichen einer seltsam ruhigen Gewißheit: Das alles ist vorbei. Und was eine Erleichterung sein könnte, wird zur Bedrohung.
Vorbei.
Ich werde nicht mehr gebraucht, sagte meine Mutter weinend. Sei doch froh, sagte ich. Da fällt doch die größte Last von dir ab. Wofür lebe ich denn dann? fragte sie. Ich fing an, darüber nachzudenken, wofür wir leben, und kam zu dem Schluß: für nichts. Wir leben. Und doch – wenn eine Zeit erfüllt war von Verantwortung, Stress, Arbeit, wenn keine Zeit war für Entspannung, Ruhe, Nachdenken und Heiterkeit, dann wird der Übergang zur totalen Bedrohung. Wenn Stress und Herausforderung die treibenden Kräfte der Lebensenergie waren, wird Ruhe zur tödlichen Bedrohung. Übergänge müssen vorbereitet, erlernt werden. Loslassen ist die größte Kunst, sagen die Buddhisten. Aber wie läßt denn eine Frau ein erfülltes Leben los, ohne am plötzlich auftretenden Mangel einzugehen?
Unsere VorfahrInnen wußten sehr genau um die Gefahren der Übergänge, um den plötzlichen Schock, die Desorientierung die mit dem neuen Zustand kommt. Mit Ritualen betteten sie diese Übergänge ein. Aber – Überraschung – gerade diese Rituale wurden zu einer neuen Gefahr. Sie erstarrten zur Tradition, hielten die Menschen in ihrer unbeweglichen Struktur gefangen und provozierten Ausbrüche, die die Rituale zerstörten, ohne neue Möglichkeiten aufzutun. Es hilft uns nicht, wenn wir ohne nachzudenken rituelle Formen der monotheistischen Religionen, der Tibeter, der amerikanischen Ureinwohner oder eines afrikanischen Stamms übernehmen. Unsere Hilflosigkeit in Situationen des Übergangs, bei Geburt, Pubertät, Wechseljahren oder Tod wird nicht dadurch besser, daß wir ein fremdes Ritual draufsetzen oder unsere Töchter neuerdings zwingen, vielleicht ein Ritual zur ersten Menstruation durchzuziehen. Der spielerische, der experimentelle Zugang ist vermutlich jetzt der einzig mögliche. Was bedeutet diese neue Situation? Was verliere ich? Was gewinne ich? Wo liegen die Gefahren? Welche Schutzmöglichkeiten gibt es? Welche Vorteile eröffnen sich mir durch die neue Lebenssituation? Wer weiß darüber Bescheid? Mit wem möchte ich darüber sprechen? Rituale können helfen, aber nur, wenn sie von der Person gewünscht werden, die den Übergang zu bewältigen hat. Manchmal reicht es schon, daß eine andere, die diese Erfahrung schon hinter sich hat, etwas darüber erzählt.
Ein schönes Ritual für einen Übergang ist folgendes, das allein oder mit FreundInnen zu feiern ist:
Ein Kreis wird aus Gegenständen gelegt, die mit der Situation zu tun haben, die gerade verlassen wird. Wenn es ein Ritual für die Pubertät ist, können Spielsachen den Kreis bilden. Wenn das Ende der Berufstätigkeit begangen wird, können Symbole dieser Arbeit den Kreis bilden. Bei der Menopause würden vielleicht Symbole der jungen Frau im Kreis ausliegen.
In der Mitte des Kreises wird eine symbolische Schwelle aus Steinen, Kristallen, Holz oder Stoff gelegt. Die zu initiierende Person bestimmt, welches Material ihre Schwelle haben soll. Wenn andere Menschen an diesem Ritual teilnehmen, stellen sie sich innerhalb des gelegten Kreises auf. Die Initiandin steht in der Mitte vor der Schwelle. Nun sagen alle Personen im Kreis der Reihe nach, was nach der Initiation an Verheißungen und Kräften auf die Frau in der Mitte zukommt. Bei einem Ritual für die Wechseljahre sollten Frauen jenseits der Wechseljahre den Kreis bilden und die Frau in der Mitte in die Weisheit der Alten einführen, indem sie Kräfte rufen, die jetzt wichtig und wertvoll sind.
Wenn die Frau in der Mitte genug gehört hat, springt sie über die Schwelle.
Eine der Frauen könnte die Hebamme in den neuen Zustand sein und sie auf der anderen Seite der Schwelle in Empfang nehmen. Wenn es ein Ritual in die Pubertät ist, könnte die Lieblingsmusik der Frau in der Mitte gespielt werden, und eine junge Frau, die schon ihre Menstruation hat, könnte sie empfangen.
Ein Ritual des Übergangs ist deshalb so hilfreich, weil es den Übergang sichtbar, spürbar, hörbar macht. So viele junge Männer bleiben Kinder, weil sie nie einen Übergang in den Zustand des erwachsenen, verantwortungsvollen Mannes vollzogen haben. So viele Frauen werden sich der Kraft ihrer derzeitigen Lebenssituation nicht bewußt, weil sie nie darauf aufmerksam gemacht wurden. Übergänge werden mythisiert, mystifiziert, überhöht, dämonisiert (besonders im Fall von Wechseljahren und Tod), aber nicht wirklich vollzogen.
Sich mit einem kommenden Zustand auseinanderzusetzen, indem Informationen gesammelt, ExpertInnen befragt, Bücher gelesen werden, das Internet konsultiert und dann ganz bewußt der Zustand ins Leben geholt wird, macht den Übergang lebbar und reduziert die tödliche Gefahr, die von Schwellenzuständen ausgehen kann.
Ich stand auf dem Baukran und starrte in die Tiefe. An meinen beiden Fußknöcheln waren starke Bänder befestigt, an denen das Seil hing. Niemals springe ich da hinunter, dachte ich. Aber manchmal muß man etwas zurücklassen, um etwas Neues zu gewinnen. Wenn ich nicht springe, werde ich nicht wissen, wie es ist, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ich sprang. Kein bißchen zu früh. Kurz darauf hatte ich einen schweren Unfall und wußte jetzt, wie es ist, durch die Luft zu fliegen, zu landen und doch nicht aufzugeben. Das alles half mir nichts, als ich in die Wechseljahre kam. Wieso ich? Die kühne, lebendige, starke junge Frau, die ich bin, kann doch nicht alt werden? Wenn ich in den Spiegel schaue, erkenne ich mich nicht, sagt meine Mutter. Ich bin doch nicht diese alte Haut da.
Ich habe ihnen beim Yoga zugesehen, sagte eine alte Frau auf einer Bank an der Isar, wo ich meine Yogaübungen mache. Ich war auch einmal jung.
Und ich denke: Eines Tages werde ich das vielleicht auch sagen. Ich war einmal jung. Und niemand wird mir glauben. Weil alte Menschen alt sind und einfach nicht jung vorstellbar. Aus einem alten Schriftsteller wird im Krankenhaus genauso der Opa wie aus einer alten Wissenschaftlerin im Altenheim die Oma. Wer das nicht will, muß sich rechtzeitig mit der Gefahr dieses Übergangs beschäftigen. Wie werde ich zur weisen Alten, ohne die Junge zu verlieren? Manchmal hilft es, mit Wen Do, Thaiboxen, Afrotanz und Yoga den Körper so zu trainieren, daß bei einem respektlosen Übergriff auf den alten Körper eine kräftige Abwehr Klarheit schafft.
Der Übergang ins Alter kann das Anknüpfen an die Kindheit werden: Frei von allen familiären und beruflichen Zwängen kann das Alter übermütige Heiterkeit mit neuen frechen Körpererfahrungen gepaart mit wertvoller Erfahrung bringen. Dann können drei Diebe auch mal die verblüffende Erfahrung machen, daß ihnen eine schon am Boden liegende Achtzigjährige, wie neulich in München geschehen, ohne ihre Handtasche loszulassen mit dem Stock ein blaues Auge und Schrammen verpaßt und das hinterher so kommentiert: Da hab ich mich aber schon gefreut, daß ich es denen zeigen konnte!
Ich freue mich mit und lerne von ihr, wie ich von meiner über neunzigjährigen Freundin Elly Beurer lernte, die auf meine Ermahnung, sich in ihrem Antiquitätenladen doch mal hinzusetzen und auszuruhen, verschmitzt sagte: Ich mag mich nicht hinsetzen, sonst sterbe ich vielleicht aus Versehen ...

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Herbst 2003 -  160 S. -  € D 13,90 / € A 14,30 / sFr. 24,30  - ISBN 3-88104-360-8