Sabine Marya

Wenn sich der Nebel lichtet
Frauen erleben und überwinden Depression

Leseprobe

Petra, 34 Jahre: „Auszug aus meinem Tagebuch“
26.10.: Heute, in der Selbsthilfegruppe, habe ich gesagt: „Mir geht es erstaunlich gut.“ Was ich nicht gesagt habe: Ich habe eine Mauer um mich gebaut, weil ich mir momentan irgendwelche Gefühlsäußerungen einfach nicht mehr leisten kann. Ich bin so erschöpft, so müde. Zu müde, um zu leben!
7.11.: Hat es noch einen Sinn? Ich fühle mich so tot, so leer. Wozu dann bleiben? Vielleicht ist es besser zu gehen? Haben mich vor ein paar Tagen Suizidgedanken noch erschreckt, so erscheinen sie mir jetzt die beste Lösung. Endlösung.
9.11.: „Am liebsten würde ich mich umbringen“, habe ich gestern zu Henry gesagt. „Na, das sind ja schöne Aussichten“, hat er geantwortet und ist gegangen, zu seinem Fernseher. Ich spiele Visionen durch von meinem Suizid. Was ist gut, was ist sicher? Langsam reift in mir eine Idee, die mir sicher genug erscheint. Morgen abend ist Gruppe, da vermißt mich keiner. Alles wird gut, schon morgen. Ich atme auf, bin erleichtert.
11.11.: Hatte die Stille in mir nicht mehr ertragen. Keine Ziele, keine Möglichkeiten, keine andere Alternative mehr gesehen als diesen Weg zum Strand und die Stille in mir nicht mehr ertragen, war doch schon so tot, so leer, wie bereits gestorben! Tabletten schlucken, dann ins Meer gehen. Sicher und sauber!
Aber da waren noch so viele Dinge, die ich lernen wollte. Leben lernen! Malen! Eine Ausstellung haben! Mit den Kindern lachen und toben! Würde ich jetzt sterben, ich hätte nie gelebt, wäre nur viele Male gestorben...
Den Finger in den Hals stecken. Würgen und würgen und würgen, die Tabletten herauskotzen, so weit es geht. Dann zur Gruppe wanken, mich von den Frauen ins Krankenhaus bringen lassen. Magen auspumpen.
Suizid abgebrochen, für das Leben entschieden. Für mein Leben!
15.11.: Leben, ich möchte wissen, was das ist. Dazu muß ich mich aber erst befreien aus den vielen toten Schichten und Fesseln, die mich hindern zu leben...

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2001 -  240 S. -  € D 19,90 / € A 20,50 / sFr. 35,90  - ISBN 3-88104-341-