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Heide Göttner-Abendroth
Die tanzende Göttin Prinzipien einer matriarchalen Ästhetik
Leseprobe
EINLEITUNG
Das anhaltende Interesse meiner Leserinnen und Leser an diesem Buch hat bewirkt, daß es in seiner ersten Version fünf Auflagen erlebte (von 1982-1991) und nun in dieser neuen, vollständig überarbeiteten Version wieder erscheinen kann. Ich freue mich darüber und sage den LeserInnen und den Verlegerinnen Dank.
Dieses Buch enthält zwei Essays und eine Reihe von konkreten Beispielen aus dem mittlerweile großen Bereich der Frauenkunst. Der erste Essay „Die Muse im Ghetto“ setzt sich kritisch mit der Geschichte der Kunst und Kunsttheorien im Patriarchat auseinander. Der zweite Essay „Die tanzende Muse“ gibt eine kurze Theorie der matriarchalen Kunst und ist damit eine matriarchale Ästhetik. Im dritten Teil interpretiere ich Beispiele aus der heutigen Frauenkunst, die einigen Kriterien matriarchaler Kunst entsprechen und sich damit der matriarchalen Ästhetik annähern. Mit diesen Beispielen erhebe ich nicht den Anspruch irgendeiner Art von Vollständigkeit – das kann nur ein Lexikon zeitgenössischer Frauenkunst leisten – sondern es kam mir lediglich auf einige wenige exemplarische Darstellungen an. Ich habe deshalb die Beispiele aus der ersten Version dieses Buches beibehalten, da sie mir typisch und noch immer gültig erscheinen, und sie durch ein paar neuere Beispiele ergänzt. Diese sollen in aller Kürze meine Thesen zur matriarchalen Ästhetik erhellen, so daß diese anschaulich werden. Ich verbinde damit jedoch weder ein Werturteil über die Kunst von Frauen, die ich aufgenommen habe, noch über diejenige Kunst von Frauen, die ich nicht aufgenommen habe. Denn ich verstehe mein Buch nicht als eine Kunstkritik, sondern als eine Theorie der matriarchalen Kunst.
Ganz abgesehen davon gibt es – bei der Umfassendheit, die matriarchale Kunst hatte – heute noch keine Kunst-„Werke“, welche diese Ästhetik ganz erfüllen. „Werke“ als verdinglichte Kunstäußerungen vermögen dies sowieso in keinem Fall, da matriarchale Kunst ein Prozeß ist. Manche Kunstäußerungen von Frauen heute nähern sich diesem prozessualen Charakter matriarchaler Kunst an, aber sie können – wegen der Strukturen des patriarchalen Kunstbetriebs, in denen sie befangen bleiben – noch nicht matriarchale Kunst in der vollen Bedeutung sein.
Den vierten Teil der ersten Version dieses Buches habe ich weggelassen, denn er ist überholt. Ich hatte darin eine matriarchale Kunst-Utopie formuliert, die konsequent Kunst und matriarchale Spiritualität wieder verbindet und die Einbettung von Kunst in den rituellen Zusammenhang eines matriarchalen Festes aufzeigt. Damals, im Jahr 1982, war dies noch eine Vision, ich hatte damals keine Ahnung, wie dies entstehen könne. Ab 1983 begann ich dann selbst, gemeinsam mit immer neuen Frauen, mit denen ich von Jahr zu Jahr zusammenwirkte, diese Vision von matriarchaler Kunst zu verwirklichen. Damit begründete ich eine völlig eigenständige und genuine Form matriarchaler Kunst, nämlich die neuen Matriarchalen Mysterienfeste©. Sie beruhen auf dem Fundament meiner Matriarchatsforschung, wodurch ich ihnen größtmögliche Authentizität zu geben versuche. Nach mittlerweile fast zwei Jahrzehnten Arbeit damit sind sie nun zu einem reichen Werk geworden, wobei dieses „Werk“ keinerlei Dingcharakter mehr hat, sondern sich ausschließlich prozessual entwickelte. Es kann darum nicht gezeigt oder ausgestellt werden wie dinghafte Kunst, sondern nur durch andere künstlerische Medien dokumentiert werden.
Dies soll in einem nächsten Schritt geschehen, indem ich die neuen Matriarchalen Mysterienfeste© durch ein ihnen gewidmetes Buch und einen Film präsentiere und sie damit einer größeren Öffentlichtlichkeit zugänglich mache. Dabei, so hoffe ich, mag deutlich werden, daß es sich in ihnen um eine ausgeprägte, moderne Konkretisation matriarchaler Kunst handelt, welche die hier formulierten Prinzipien der matriarchalen Ästhetik erfüllt. Die Neuauflage dieses Buches ist mir deshalb eine besondere Freude, denn es ist eine Voraussetzung dafür, den geistigen Horizont der neuen Matriarchalen Mysterienfeste zu verstehen.
Die Prinzipien der matriarchalen Ästhetik sind nicht nur bedeutsam zum besseren Verständnis von Frauenkunst und Frauenspiritualität der Gegenwart – auch wenn sie darauf ihre erste Anwendung finden – sondern für die Definition und das Phänomen „Kunst“ allgemein. Denn sie enthalten keineswegs nur frauenspezifische, sondern allgemeine theoretische Aussagen, da sie aus einer ganzen Gesellschaftsform hergeleitet werden, die immer Frauen und Männer umfaßt, hier der matriarchalen. Sie stehen jedoch in scharfem Gegensatz zur patriarchalen Definition von „Kunst“ und deren Ausübung, in dieser Hinsicht ist die Definition von „matriarchaler Kunst“ radikal. Denn matriarchale Kunst kennt, gemäß den Prinzipien der matriarchalen Ästhetik, weder die übliche Trennung von verschiedenen Kunstgattungen, noch die Trennung der traditionellen Bereiche „Kunst“, „Wissenschaft“, „Religion“, „Ökonomie“, „Politik“, noch die Trennung der Sphären „Kunst“ und „Leben“. Alle diese Unterscheidungen, Trennungen und Abspaltungen sind typische Kennzeichen patriarchaler Denkweise und Gesellschaftsorganisation. Die Kunst kommt hier nur als „schöner Schein“ vor, und das Leben ist demgegenüber „harte Realität“ – warum eigentlich? Und sämtliche gesellschaftlichen Bereiche werden strikt getrennt und in verschiedene Institutionen gesperrt, was der Herausbildung von Eliten und der Durchsetzung von Machtinteressen dient. Nach diesen Machtinteressen wird die ganze Gesellschaft hierarchisch geordnet, was nicht nur Herrschaft und Unterdrückung innerhalb der einzelnen Institutionen, sondern auch der Institutionen untereinander zur Folge hat. Heute steht zum Beispiel die „Wissenschaft“ an der Spitze der Skala und die „Religion“ ziemlich weit unten, in zurückliegenden Jahrhunderten war es umgekehrt. Und welche Bedeutung kann die „Kunst“ als schöner Schein gegenüber solchen harten Realitäten überhaupt haben?
Ich setze jedesmal Anführungszeichen, weil das Denken in den Schachteln von Bereichen und Ressorts und die damit verbundenen Begriffe für eine ganzheitliche Ansicht nur Wortkrücken darstellen. Denn um Ganzheit geht es in diesem Buch und seinem radikalen Begriff von Kunst. Es geht um die Überwindung der machtorientierten Gespaltenheit und künstlichen Hierarchie, die unser Leben von jeder Schönheit entleert, die unsere komplexen Erfahrungen ignoriert, die unserem konkreten, vielfältigen Hier-Sein jede Verbindlichkeit abspricht.
Diesen radikalen Begriff von Kunst habe ich „matriarchale Kunst“ genannt, weil ich bei der Formulierung dieser neuen Ideen von jenen Gesellschaften ausgehe, die noch keine Hierarchien kannten und in denen Herrschaftsmuster nicht vorhanden waren. Sie kannten daher auch diese Bewußtseinsspaltungen „Kunst“ versus „Wissenschaft“ versus „Religion“ versus „Ökonomie“ versus „Politik“ noch nicht. Es gab keinen Bannstrahl der Religion gegen die Wissenschaft und umgekehrt, keine Verachtung der Theorie für das Leben, keine Gebote und keine Moral gegen die Bedürfnisse der Lebensbewältigung. Sämtliche dieser menschenfeindlichen Zerreißungen waren ihnen fremd, denn alles, was existierte, war in das große Gewebe des Lebens mit allen seinen Erscheinungsformen und Ausdrucksweisen eingebettet. Es gab kein Oben und Unten, kein Gut und Böse, nicht einmal der Tod war das große Angst-Phantom, sondern lediglich ein Durchgang zu einer anderen Daseinsweise. In diesem Weltbild sah sich jede/r Einzelne als Teil der größeren Gemeinschaft, und die Menschen insgesamt sahen sich als Teil der umfassenden Natur. Diese Verbindungen und das Denken in Verbindungen waren den Menschen so selbstverständlich, daß sie die späteren, trennenden Begriffe „Kunst“, „Wissenschaft“, usw. gar nicht benötigten. Seit wir sie in patriarchalen Kulturen benötigen, sind sie uns wiederum so selbstverständlich geworden, daß wir die mit ihnen verknüpfte Entfremdung der Teile vom Ganzen, die inhumane Zerrissenheit und den zynischen Irrationalismus, die dahinter stecken, gar nicht mehr bemerken. Nur mit großer Mühe können wir anders denken und sprechen – es fehlen uns einfach die Worte.
Aber vielleicht lassen sie sich entwickeln. Ein solches neues Wort ist der Begriff „matriarchale Kunst“, denn damit ist nie von Kunst allein die Rede, sondern immer auch von einer Gesellschaftsform, die ganz anders war als die heute bekannten. Jedes Sprechen über „matriarchale Kunst“ stellt immer alles zugleich zur Diskussion: matriarchale Wissenschaft, matriarchale Spiritualität, matriarchale Lebensweise. „Matriarchale Ästhetik“ meint immer auch matriarchale Politik.
Denn sie enthält ein völlig anderes Wertesystem als das patriarchale, welches dabei überschritten wird. Eine neue „matriarchale Kunst“ läßt auf diese Weise Visionen der Zukunft aufscheinen, die im Symbol, im Bild, im künstlerischen Prozeß der Vorgriff auf eine bessere menschliche Existenz sind, als wir sie aus den Patriarchaten kennen. Darin liegt ihre eminente, politische Kraft, die durch keinen „schönen Schein“ wieder zurückgenommen wird. Diese künstlerischen Handlungen sind, ohne es gesucht zu haben, immer zugleich politische Handlungen, und zwar in einem tieferen Sinne von „Politik“. Denn sie verändern unsere Perspektive, unser Bewußtsein und die emotionalen Werte und können so das Weltbild und allmählich die ganze Lebensweise umformen.
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info@verlag-frauenoffensive.de
2001 völlig überarbeitete Neuauflage -
180 S. -
€ D 14,90
/ € A 15,40
/ sFr. 27,10
- ISBN 3-88104-344-6
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