Luisa Francia

Der Rest deines Lebens beginnt jetzt
Rituale zur Verzauberung des Alltags

Leseprobe

DIE MACHT DER ILLUSION

Ich will nicht leben wie du, sagte der Enkel einer alten Freundin von mir. Das ist mir zuwenig, für jemanden schuften, bis ich umfalle. Du wirst es auch noch lernen, sagte Johanna. Wir müssen uns alle fügen. Sie beklagt sich, daß ihr Enkel sich Illusionen macht. Er arbeitet nicht regelmäßig und ernährt sich mit Gelegenheitsjobs. Ist er glücklich? frage ich.
Das spielt doch keine Rolle, sagt sie. Wenn er alt wird, hat er keine Rente.
Habe ich auch nicht. Aber ich habe meine Illusionen, die mich bis hierher gebracht haben und die mich sicher auch bis ans Ende meiner Tage und Nächte begleiten werden... Die Essenz meiner Illusionen ist die Gewißheit, daß es keine Sicherheit gibt. Daher ist alles wandelbar. Alles im Traum gestaltbar. Die Essenz meiner Illusionen ist Magie. Magie ist nicht selten Illusionszauber. Du erzeugst einen Eindruck, und mit dieser virtuellen Realität schaffst du eine Brücke zur materiellen Realität. In der Werbung und in der Wirtschaft wird diese Erkenntnis schon lange umgesetzt. Schein löst Sein ab. Damit werden Milliarden Menschen in Schach gehalten.
Das indische Wort Maya bedeutet Illusion und auch Enttäuschung, gleichzeitig heißt es formen, bauen und steht für die Grundlage der Materie, für die Fähigkeit zu wandeln und Form zu geben. So ist Maya auch Magie, also Illusionszauber, der Wirklichkeit schafft, Verkleidung, das Vortäuschen eines Zustands durch entsprechende Symbole. Maya, die Fähigkeit, Wirklichkeit zu schaffen, ist Widerspruch in sich. Maya ist Erscheinung, Trugbild und Wirklichkeit zugleich.
In unserer linearen monotheistisch geprägten Denkstruktur ist diese Komplexität kaum nachvollziehbar, und doch kennen wir alle diesen köstlichen Augenblick, in dem Größenwahn und Wirklichkeit, Traum und Erfüllung, Alles und Nichts zusammenfließen zu einer nicht planbaren, nicht vorhersehbaren Einheit. Die biedere Grundregel: Eins nach dem anderen! Nicht verzetteln! hat in der allumfassenden schöpferischen Energie, die alles beinhaltet, alles erscheinen und verschwinden lassen kann, keine Bedeutung mehr.
Wie schnell gilt uns etwas als unglaubwürdig, unfaßbar, unmöglich, undenkbar – wir sind natürlich auch sehr einfach gestrickt. Geschieht etwas, das wir nicht erwartet haben – und das kommt schnell mal vor –, erscheint es uns unwirklich, ja, wie ein Wunder! Vielleicht gibt es gar keine Wunder. Wenn wir unsere Grenzen ausdehnen und das Undenkbare mitdenken würden, könnten wir ganz leicht auch das Unmögliche in unser Wirklichkeitskonzept integrieren, und das wäre wohl die Voraussetzung, daß neue Wirklichkeiten entstehen, denn wir schaffen ja die Wirklichkeit, die wir sehen, wahrnehmen und leben.

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2001 -  mit Fotos der Autorin -  176 S. -  € D 13,40 / € A 13,90 / sFr. 24,70  - ISBN 3-88104-339-X